1. Wenn von Wildbienen die Sprache ist, wird oftmals ihre Systemrelevanz betont. Was genau versteht man darunter?

Wildbienen sind für das Ökosystem von herausragender Bedeutung, da sie, wie ein Zahnrad im Getriebe, zur Gesamtfunktionalität des Systems beitragen. Entfernt man sie, gerät der gesamte Mechanismus ins Stocken – Pflanzen werden nicht mehr im ausreichenden Maße bestäubt, die Frucht- und Samenproduktion nimmt ab, die Nutznießer dieser Pflanzen, ganz gleich ob Mikrobe, Pilz oder Tier, haben das Nachsehen. Da diese Kettenreaktion auch viele Nutzpflanzen betrifft, entsteht auch für den Menschen erheblicher ökonomischer Schaden.

2. Warum sind Artenvielfalt und Biodiversität so wichtig? Und was haben Wildbienen damit zu tun?

Die Arten, die ein Ökosystem besiedeln, sind untereinander vernetzt. Je mehr Arten als Knoten dieses Netzes fungieren, desto engmaschiger ist es und desto höher ist seine Stabilität. Wildbienen, aber auch andere wichtige Bestäuber, wie Schwebfliegen und Schmetterlinge, sind zentrale Knoten in diesem Netz. Lösen sie sich auf, sind Laufmaschen die Folge: Verschwindet eine Bienenart hat dies Folgen für Blütenpflanzen und für alle Arten, die mit dieser Pflanze eine Lebensgemeinschaft bilden – das System wird löchrig und verliert an Stabilität gegenüber inneren und äußeren Einflüssen.

3. Als promovierte Historikerin beschäftigen Sie sich unter anderem mit der Geschichte des Menschen. Sind Sie bei Ihrer Arbeit schon über Zusammenhänge zwischen Mensch und Biene gestoßen? 

Die Beziehung von Menschen und Bienen reicht weit zurück: Bereits vor Tausenden von Jahren haben wir Bienen als Honigproduzentinnen genutzt. Archäologische Befunde beweisen dies für die Kulturen in Mesopotamien und Ägypten, aber auch die großen südamerikanischen Kulturen nutzten bestimmte Bienenarten. Historisch gesehen war jedoch schon immer die Bestäubungsleistung der Bienen, insbesondere der Wildbienen, wichtiger für die Entwicklung der Menschheit, vor allem mit steigendem Bevölkerungswachstum und Ausweitung der Landwirtschaft. Heute wissen wir, dass eine Zukunft für uns ohne bestäubende Bienen nicht denkbar ist. 

4. Wie versuchen Museen die Themen Umwelt und Zusammenhänge in der Natur zu vermitteln?

Anders als bisherige Naturkundemuseen wird BIOTOPIA, das wir bis 2025 in München aufbauen, Verhaltensweisen und Prozesse in den Mittelpunkt stellen. Wir nähern uns den Themen nicht mehr aus chronologischer und taxonomischer Sichtweise, sondern stellen Aktivitäten in den Vordergrund, die Menschen mit anderen Lebewesen – seien es Tiere, Pflanzen oder Mikroben – teilen. Es geht zum Beispiel ums Essen, Schlafen, Fortbewegen, Fortpflanzen oder Kämpfen und Verteidigen. Ein solch systemischer Blick hilft, uns als Teil der Natur zu begreifen und einen Perspektivwechsel einzuleiten. BIOTOPIAs Mission ist es, unser Verhältnis zu anderen Lebewesen zu hinterfragen und neu zu gestalten. Das Museum wird dafür Ausstellungen haben, aber auch verschiedene offene Labore wie z.B. ein Ess-Labor, ein Neuro-Lab oder ein Bio-Labor. Ökosystem-Observatorien werden Besucher*innen die Möglichkeit geben, direkt an Forschung in aller Welt teilzuhaben und unser transdisziplinärer Ansatz, der die Brücke zwischen Lebens- und Umweltwissenschaften, Kunst und Design schlägt, eröffnet überraschende und inspirierende Sichtweisen auf dem Weg zu mehr Initiative jedes Einzelnen.

5. Wie wurde das Thema Bienen beim BIOTOPIA-Festival aufgegriffen, das dieses Jahr im Mai in München stattgefunden hat?

Nicht zuletzt durch das bayerische Volksbegehren wurde das Thema Bienen beim BIOTOPIA Festival stark diskutiert. Neben einem Vortrag von Dr. Andreas Segerer, Oberkonservator an der Zoologischen Staatssammlung München und Mitautor des Buchs  „Das große Insektensterben“, standen vor allem Aktivitäten rund um die Bienen im Vordergrund: In Kooperation mit der #beebetter-Kampagne von Burda Home konnten Kinder und Erwachsene Nisthilfen für Wildbienen bauen und hautnah lernen, wie jeder von uns einen Beitrag zum Schutz der Bienen leisten kann. Besonders gefreut haben wir uns auch über die Beteiligung der Bienen-AG der Schülerinnen der Erzbischöflichen Maria-Ward-Realschule aus der direkten Nachbarschaft. Äußerst engagiert und sehr fachkundig informierten sie unsere 3.500 Besucher*innen am Festivaltag über die Imkerei und den Schutz der Bienen.

6. Haben Sie eine Veränderung im öffentlichen Interesse bemerkt, was das Thema Umwelt, Tier- und Naturschutz angeht? Wie ordnen Sie das ein? 

Teile der Gesellschaft werden hellhöriger für seriöse Warnungen aus der Wissenschaft. Nachdem diese Warnungen in zunehmendem Maße auf Studien aus den Umwelt- und Lebenswissenschaften basieren, ist es naheliegend, dass sich das öffentliche Interesse diesen Themen zuwendet. Artenschwund ist eine der planetaren Belastungsgrenzen, die der Mensch durch sein kollektives Handeln bereits überschritten hat. Die Folgen dieses Handelns werden immer unberechenbarer: Beim Überschreiten des Kipppunkts entwickeln sie eine gefährliche Eigendynamik, deren Folgen wir nicht mehr kontrollieren können.

7. Was müsste sich Ihrer Meinung nach verändern, damit wichtige Umweltthemen, insbesondere die Wildbienen, mehr Aufmerksamkeit bekommen? 

Im Sinne der Generationengerechtigkeit muss die Politik, insbesondere die Agrar- und Umweltpolitik, lernen, negative langfristige ökonomische Folgen höher zu bewerten als negative kurzfristige Folgen. Museen wie BIOTOPIA können in Zusammenarbeit mit Medien und Schulen einen wichtigen Beitrag leisten, dass Umweltthemen, wie die Situation der Wildbienen, in der öffentlichen Wahrnehmung präsent bleiben.

#beebetter-Jury

Dr. Nina Möllers

Das Naturkundemuseum BIOTOPIA in München soll ein modernes Life Science- und Naturkundemuseum werden. Es ist derzeit noch in Planung und eröffnet voraussichtlich 2025/26. Ab Frühjahr 2020 wird jedoch als Zwischenstelle und Vorgeschmack das BIOTOPIA Lab im Botanischen Garten München-Nymphenburg eröffnen. Dr. Nina Möllers ist Leiterin des BIOTOPIA Lab und Events und unterstützt die #beebetter-Jury bei der Auswahl der Projekte für den beebeetter-Award.