1. Wo bestehen beim Thema Biene die größten Wissenslücken in der breiten Bevölkerung?

Es gibt viele schöne, gut gemeinte Ansätze den Bienen und hier insbesondere den Wildbienen zu helfen. Das ist insgesamt sehr wertvoll. Vielen Menschen ist aber gar nicht bewusst, dass vor unserer Haustür in den letzten Jahren Wildbienenarten ausgestorben sind und ihnen einige Arten absehbar folgen werden. Oft denkt man beim Artensterben an Berggorillas im Grenzgebiet vom Kongo, Ruanda und Uganda oder an das Spitzmaulnashorn in Ost- und Südafrika. Vergleichbares gibt es aber auch bei unseren Wildbienen. So ist beispielsweise die Regensburger Sandbiene (Andrena aberrans) aufgrund ihrer enormen Seltenheit in die Gefährdungskategorie 1 „vom Aussterben bedroht“ eingeordnet. Sie kommt in Deutschland ausschließlich in Bayern vor. Ihren Pollen, den sie für ihre Nachkommen benötigt, sammelt sie ausschließlich vom Regensburger Geißklee (Chamaecytisus ratisbonensis). Dort, wo diese seltene Wildbiene in den letzten Jahren noch nachgewiesen wurde, ist ihnen inzwischen durch Verbuschung die Lebensgrundlage genommen. Dieses Beispiel soll zeigen, dass wir noch mehr Anstrengungen für den Arterhalt bei den Wildbienen unternehmen müssen als bislang.

2. Was sollte man über Wildbienen unbedingt wissen, um ihnen auch wirklich helfen zu können? 

Schaut man sich die Lebensansprüche der Wildbienen an, so benötigen sie Nahrung, Nistplätze und Nestbaumaterial. Alles dies muss in erreichbarer Nähe vorhanden sein, denn die meisten Wildbienenarten haben nur geringe Sammelreichweiten von wenigen Hundert Metern. Es reicht also nicht aus, irgendwo Blühstreifen anzulegen, wenn in der Umgebung keine Nistmöglichkeiten geboten werden. Blühstreifen sollten auch nicht an viel befahrenen Straßen angelegt werden. Sie sind oftmals die einzige Blühfläche, die die Bienen anlocken. Beim An- oder Abflug gelangen sie dann in den Straßenverkehr. Das heißt, Blühstreifen müssen intelligent angelegt werden.

3. Warum brauchen gerade Wildbienen unsere Hilfe?

Weil sie einerseits wichtige Aufgaben im Gesamtgefüge der Ökologie übernehmen. So schaffen sie nicht nur mit ihrer Bestäubung Nahrung für eine Vielzahl anderer Lebewesen und uns Menschen. Sie ermöglichen mit ihrer enormen Bestäubungsleistung zusammen mit den Honigbienen auch die generative Anpassungsfähigkeit der Pflanzen an Veränderungen. Das bekommt gerade jetzt mit Blick auf die Klimaveränderungen zunehmend besondere Relevanz. Andererseits sind mehr als die Hälfte der etwa 570 Wildbienenarten bei uns gefährdet. Ein Teil von ihnen ist inzwischen schon ausgestorben, andere gibt es nur noch in kleinen Restpopulationen.

4. Warum sind Biodiversität bzw. die Artenvielfalt der Bestäuber, insbesondere der Wildbienen, so wichtig?

Biodiversität bzw. die Artenvielfalt ist eine existenzielle Grundlage für das menschliche Leben. Es gibt ökologische und ökonomische, soziale und ethische (Generationengerechtigkeit) Gründe die Biodiversität zu erhalten und zu bewahren.

5. Halten Sie das aktuelle Interesse an der Biene für einen kurzlebigen Trend?

Insgesamt ist es sehr erfreulich, dass die Bienen und andere Insekten in den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppierungen Interesse geweckt haben. Das darf nicht aufhören, sonst wäre es ja nur ein kurzlebiger Trend. Die Menschen müssen noch mehr zur Besinnung kommen und erkennen, dass unser Leben ohne eine funktionierende Natur schnell an Grenzen stößt. Da bin ich aber insgesamt positiv gestimmt.

6. Welche drei Faktoren sehen Sie als Hauptursache des Wildbienensterbens?

  • die Landschaftszerstörung (täglicher Flächenverbrauch für Siedlungs- und Straßenbau von nach wie vor über 100 ha pro Tag, wobei selbst Naturschutzgebiete davor nicht geschützt sind)
  • die Intensivierung jeglicher Landnutzungsform (in der Landwirtschaft: schnelle Fruchtfolgen, Monokulturen, Schlaggröße und fehlende Saumstrukturen, Grünlandintensivierung)
  • die Veränderung in der Pflanzenwelt als Folge der enormen Stickstoffeintragung aus der Luft

7. Stehen Wild- und Honigbienen in Konkurrenz zueinander? 

Honig- und Wildbienen leben seit Millionen von Jahren zusammen. Dabei haben sich zur Vermeidung einer Konkurrenz um gleiche Ressourcen entsprechende Spezialisierungen ausgebildet. Heute, wo Honigbienenvölker in großer Zahl gehalten werden, ist im Einzelfall, wenn beispielsweise das Nahrungsangebot insgesamt knapp ist, theoretisch eine Konkurrenz denkbar. Sie ist aber grundsätzlich schon methodisch schwer zu belegen. Betrachtet man die real nachweisbaren wirklichen Bedrohungen für die Wildbienen, wie die fortlaufende Landschaftszerstörung und Intensivierung jeglicher Landnutzungsform, die Veränderung in der Pflanzenwelt als Folge des enormen Stickstoffeintrags aus der Luft mit all den negativen Folgen für die Wildbienen, dann rückt demgegenüber die Frage einer Konkurrenz weit in den Hintergrund.

8. Was wären wichtige Maßnahmen, die wesentlich zum Wildbienenschutz beitragen könnten?

Hier denke ich als Bienenwissenschaftler primär an die inzwischen wirklich seltenen, vom Aussterben bedrohten Wildbienenarten. Es muss unbedingt ein gesetzlich anderer Schutzstatus in der Bundesartenschutz-Verordnung eingeführt werden, als es die Wildbienen bislang haben. Sie sind generell leider nur in die Kategorie „besonders geschützt“ eingeordnet. Damit haben sie den gleichen Schutzstatus wie ein Igel oder ein Eichhörnchen. Sie müssten aber aufgrund ihrer besonderen Bestäubungsleistung und Seltenheit in die Kategorie „streng geschützt“ aufgenommen werden. Dann müsste man deren Schutz genauso berücksichtigen, wie wir dies richtigerweise zum Beispiel für den Weißstorch betreiben.

9. Was versteht man unter dem Begriff “Indikator-Arten”? Warum gehören auch die Wildbienen dazu?

Wildbienen sind sehr gute Indikatorarten, die uns stellvertretend für eine Vielzahl anderer Arten (Tiere und Pflanzen) eine gute Abbildung des Erhaltungszustandes unserer Umwelt, in der wir leben, bieten. Seltene Wildbienen kommen beispielsweise nur noch dort vor, wo deren natürlichen Lebensansprüche auch erfüllt werden. Das sind aber inzwischen seltene Refugien, in denen oftmals auch nur noch seltene Pflanzen und Schmetterlinge vorhanden sind. Fehlen die Wildbienen, ist das ein Hinweis bzw. ein Indikator, dass die Natur dort aus ihrem Gefüge gerückt ist. Wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung, diese zu erhalten und entsprechend zu pflegen.

10. Warum sind Blühflächen inmitten einer intensiven Agrar-Landschaft wertlos für Wildbienen? Was müsste sich ändern?

Grundsätzlich wäre es hilfreich, dass überall Verbindungen durch Saumbiotope geschaffen werden. Denn heute sind viele natürliche oder naturnahe Restbiotope oft in ihrer Lage komplett isoliert, weil sie beispielsweise von intensiver Landwirtschaft oder Siedlungs- und Straßenflächen umgeben sind. Wenn auch Bienen fliegen können, benötigen sie dennoch solche verbindenden Strukturen, damit ein Austausch gewährleistet ist. Würde man diese intelligent anlegen, kämen sie auch anderen Tiergruppen zugute. Auch die Landwirtschaft kann davon profitieren, denn in solchen Saumstrukturen können sich viele Nützlinge aufhalten und vermehren, die dann Schädlinge in den Äckern reduzieren helfen.

#beebetter-Jury

Dr. Otto Boecking

Warum der Bienenschutz Dr. Otto Boecking am Herzen liegt, was er unternimmt, um Bienen zu helfen und warum er gerne eine Mooshummel, erfahren Sie in seiner Vorstellung als #beebetter-Jurymitglied.