Wenn man mit Imker Lutz Eggert zu seinen Bienenstöcken spaziert, ist der Gedanke ganz weit weg, dass uns in Zukunft wegen des Insektensterbens Sommer ohne Summen bevorstehen sollen. In dem herrlich grünen und blühenden Garten, wo der Jenaer zehn seiner 90 Bienenvölker einquartiert hat, summt und brummt es in jeder Ecke. Seit 2008 arbeitet der gebürtige Brandenburger, der seit 20 Jahren in Jena lebt, als Berufsimker und Bienenzüchter. Seit einigen Jahren ist er zudem noch als Sachverständiger für das Veterinäramt tätig.

Der Bienenstock - auch Magazinbeute genannt

Besucht Lutz Eggert seine Bienen, entzündet er als erstes den Smoker. Der dient dazu, den Insekten die Lust am Stechen zu nehmen. „Weil sie durch den Rauch in der Nähe ihres Zuhauses Gefahr wittern, fressen sie sich augenblicklich voll und sind durch ihren dicken Bauch nicht mehr in der Lage, ihren Stachel auszufahren“, erklärt uns der Imker. Dann zieht er die sogenannte Windel heraus. Das ist die unterste Schublade im Bienenhaus, die Dreck und Ausscheidungen auffängt. Daraus liest er den Zustand seiner Bienen ab und kann u. a. auch erkennen, ob die bienenfeindliche Varroamilbe den Stock befallen und Teile seiner Tiere mit einem Virus infiziert hat. „Virenbefallene Bienen haben zum Beispiel zu kurze Körper oder keine Flügel“, sagt Eggert. Als Nächstes öffnet der Imker den Deckel der Magazinbeute, so nennt man die Bienenbehausung im Fachjargon, und schaut nach seinen Honigwaben. Viel mehr interessiert ihn allerdings der Zustand der Eier, Puppen, Larven und Jungbienen in den Bruträumen, die sich, durch ein Gitter getrennt, unter den Honigräumen befinden. Auf einer der Brutwaben findet er, markiert mit einem gelben Punkt auf dem Rücken, die Bienenkönigin. Als werde sie von ihren Leibwächtern bewacht, thront die Chefin des Stocks inmitten ihrer riesigen Heerschar.

Klare Rollenverteilung im Bienenstaat

Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich diese Abertausende von Bienen organisieren und wie sie die anfallenden Aufgaben untereinander aufteilen. Die meisten der 40 000 bis 80 000 Tiere, die in einem Bienenstock leben, sind weibliche Arbeitsbienen. Dazu kommen mehrere Hundert männliche Drohnen, deren einzige Aufgabe es ist, eine Königin zu begatten. Haben sie ihren Job während des sogenannten Hochzeitsflugs erledigt, sterben sie direkt nach der Begattung. Die Aufgaben der Arbeitsbienen hängen davon ab, wie alt sie sind: Im Alter von einem bis zu vier Tagen sind sie Putzbienen und dafür verantwortlich, die Waben sauber zu halten. Wenn sie fünf bis elf Tage alt sind, sind ihre Futtersaftdrüsen ausgebildet, und sie versorgen den Bienennachwuchs mit Nahrung. Im Alter von zwölf bis 18 Tagen haben sich ihre Wachsdrüsen entwickelt, sodass sie die Waben bauen können. Wenn sie 19 bis 21 Tage alt sind, bewachen sie die Eingänge des Bienenstocks vor Eindringlingen. Mit 22 bis 40 Tagen fliegen die Arbeiterinnen schließlich aus und sammeln Pollen, Nektar, Harz und Wasser. Nach vier bis fünf Wochen sind sie so abgearbeitet, dass sie sterben.

Die Bienenkönigin

Im Gegensatz zu einer Arbeitsbiene wird eine Königin „steinalt“: Bis zu fünf Jahre kann sie leben. Äußerlich unterscheidet sich die Königin durch den deutlich längeren Hinterleib (hier mit einem gelben Punkt) von ihren Untertanen. Wie die Arbeitsbienen verfügt auch sie über einen Stachel. Dieser kommt direkt nach dem Schlüpfen zum Einsatz. Denn in der Regel wachsen mehrere Jungköniginnen gleichzeitig heran. Begegnen sie sich im Bienenstock, kommt es zu einem tödlichen Zweikampf um die Rolle der Stockmutter. Wenn der „Putsch“ der Königin gelungen ist, bildet sich ihr Stachel zum Eileiter um, und sie macht sich an die Arbeit. Nach ihrem einmaligen Begattungsflug ist sie in der Lage, bis an ihr Lebensende Eier zu legen. Das können bis zu 2 000 Stück pro Tag sein.

Ursachen des Bienensterbens

Für den Bestand der Natur ist die Biene überlebenswichtig. Ein Drittel der weltweiten Nahrungsproduktion hängt von ihrer Arbeit ab. Hierzulande bestäuben Bienen etwa 80 Prozent der Nutz- und Wildpflanzen. Die restlichen 20 Prozent gehen auf das Konto anderer Insekten als auch des Windes. Laut der „Roten Liste“ sind jedoch von den 560 Wildbienenarten in Deutschland mehr als die Hälfte gefährdet. Weitere 39 Arten sind bereits ausgestorben. Im vergangen Jahr veröffentlichte das renommierte Wissenschaftsjournal „Plos One“ die erschreckenden Ergebnisse einer Studie zum Insektensterben, die über 27 Jahre in 63 deutschen Schutzgebieten durchgeführt wurde. Die Langzeiterhebung hatte ergeben, dass die Biomasse aller Fluginsekten zwischen 1989 und 2016 um 76 Prozent – im Hochsommer sogar um 82 Prozent – zurückgegangen ist.

Nur einen Sündenbock für das zunehmende Insektensterben auszumachen, wäre jedoch zu kurzsichtig, meint Lutz Eggert. Verantwortlich dafür seien viele Faktoren, wie der Klimawandel, der Einsatz von Insektiziden, der verbreitete Anbau von Monokulturen, die extreme Bebauung und die Varroamilbe. „Was man auch nicht unterschätzen darf, sind die Fehler, die vielen Imkern aus Unwissenheit unterlaufen – und so ganze Bienenvölker ausrotten“, so Eggert. Ein Imker habe seinen Bienen mal, um ihnen etwas Gutes zu tun, Honig aus dem Discounter gegeben, und die seien daraufhin alle gestorben. Schuld waren die im importierten Billighonig enthaltenen Krankheitserreger, wie zum Beispiel die amerikanische Faulbrut.

Maßnahmen gegen das Bienensterben

Man müsse daher an verschiedenen Stellschrauben drehen, um Zustände, wie sie bereits in Asien und Amerika herrschen, zu verhindern. Dort ist die Biene in weiten Teilen tatsächlich bereits ausgestorben. In China werden Pflanzen daher zum Teil von Menschenhand mit einem Pinsel bestäubt, in Japan sind dafür computergesteuerte Drohnen im Einsatz. Lutz Eggert wehrt sich jedoch dagegen, auch in Deutschland so ein Horrorszenario zu malen. Die Lage sei sehr ernst, sagt er, aber die Politik würde das seit einer Weile erkennen und Maßnahmen ergreifen. So erklärte die neue Umweltministerin Svenja Schulze kurz nach ihrem Amtsantritt den Schutz der Bienen zur Chefsache. „Das Insektensterben und der Verlust der biologischen Vielfalt sind kein Blümchenthema. Das Artensterben aufzuhalten ist eine der zentralen politischen Aufgaben unserer Zeit“, so Schulze in einem Interview. Und langsam kommt Bewegung in die Sache: Vor wenigen Wochen wurde der Einsatz von drei bienenschädlichen Insektiziden in Brüssel europaweit verboten. Außerdem haben die Vereinten Nationen den 20. Mai zum Weltbienentag erklärt, der durch verschiedene Aktionen auf das drohende Bienensterben aufmerksam machte.

Aktiv werden

Aber nicht nur die große Politik müsse für die Insekten aktiv werden – jeder Einzelne könne sehr viel tun, um Bienen, Hummeln und Co. zu helfen, so Eggert. Privatgärtner sollten auf alle chemischen Pflanzenschutzmittel, auf helle Beleuchtung und das Arbeiten mit Laubbläsern verzichten. Stattdessen solle man seinen Boden vielfältig mit pollenreichen Pflanzen gestalten und nicht sofort jeden blühenden Löwenzahn herausreißen, nur weil er als Unkraut gilt.