1. Die Biene ist derzeit in aller Munde. Ist das nur ein vorübergehendes Trend-Thema, oder wird das Interesse anhalten und nachhaltig zu Veränderungen führen? 

Das Bewusstsein für die Bedeutung biologischer Vielfalt – auch jenseits der Biene – wächst. Das ist gut so. Es entsteht eine facettenreiche, kreative Bewegung vieler Bürgerinnen und Bürger für die Vielfalt des Lebens auf dieser Erde. Das haben nicht zuletzt das Volksbegehren für mehr Artenvielfalt in Bayern, die Fridays for Future Demonstrationen und die Bereitschaft vieler Menschen, für den Schutz des Amazonas einzutreten gezeigt. Natürlich steckt da eine enorme Kraft drin, die auch Politikerinnen und Politkern nicht verborgen bleibt.

2. Wie nehmen Sie die Thematik des Insektensterbens, insbesondere des Bienensterbens in den Medien wahr? Müsste es häufiger zur Sprache kommen, oder sollte man vermeiden, das Interesse der Öffentlichkeit zu erschöpfen? 

Der dramatische Verlust der biologischen Vielfalt in Deutschland und weltweit dringt derzeit sehr viel stärker ins öffentliche Bewusstsein vor. Ich kann hier noch keine Abnutzungseffekte erkennen. Wichtig ist, dass wir neben dem öffentlichen Bewusstsein auch die Akteure in die Pflicht und in die Verantwortung nehmen, die den Worten Taten folgen lassen müssen. Hier müssen wir Politik, Wirtschaft aber auch uns Verbraucher fortlaufend daran erinnern, dass jeder seinen Beitrag leistet. 

3. Sind Sie der Meinung, dass das Bienensterben in den Medien ausreichend und auf verständliche Weise an die breite Öffentlichkeit getragen wird? 

Natürlich ist es immer eine Gratwanderung, wissenschaftlich korrekt, aber dabei nah an der Erlebniswelt der Menschen darüber zu berichten. Insgesamt, so mein Eindruck, gelingt das den Medien und auch vielen Natur- und Umweltschutzorganisationen zunehmend besser. 

4. Ist die Biene als Sympathieträger gut geeignet, um auf den Rückgang der Insekten in Deutschland aufmerksam zu machen?  

Ja klar. Wildbienen sind ein sehr guter Türöffner. Sie sind jedoch nur ein Teil einer größeren Herausforderung. Denn insgesamt geraten Insektenbestände in Deutschland immer stärker unter Druck. Dass dies auch weiterhin öffentlich thematisiert und diskutiert wird, das ist eine große gesellschaftliche Aufgabe, bei der Medien und viele andere Akteure eine wichtige Rolle spielen.

5. Was halten Sie von dem Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“? 

Ich persönlich hätte natürlich teilgenommen, wenn ich in Bayern meinen Wohnsitz hätte. Denn das Anliegen ist wichtig und relevant. Das Ergebnis hat gezeigt, dass sich sehr viele Bürgerinnen und Bürger – und damit Wähler – für den Erhalt der Artenvielfalt einsetzen. 1,8 Millionen Bürger haben die Staatsregierung herausgefordert und zum Handeln gebracht! Das zeigt: Wenn wir aktiv werden, bewegt sich was! 

6. Was beinhaltet das Artenschutzgesetz, was soll es bringen? 

Insgesamt zielen die einzelnen Maßnahmen darauf ab, Lebensraum für Insekten und andere Arten zu erhalten und zu fördern. An allen natürlichen und naturnahen Gewässern werden zum Beispiel Gewässerrandstreifen mit einer Breite von fünf Metern ausgewiesen. Auf zehn Prozent der in staatlichem Besitz befindlichen Wälder soll ein grünes Netzwerk an Naturwaldflächen entstehen, die dauerhaft nicht forstwirtschaftlich genutzt werden. Und um Wiesen und Weiden zu erhalten, ist die Umwandlung von Dauergrünland und Dauergrünlandbrachen nicht mehr möglich. Das sind einige zentrale Punkte. 

7. Wie versucht der WWF Deutschland das Thema Bienen der Öffentlichkeit näher zu bringen?  

In dem wir immer wieder auf die Leistungen der Bienen und Insekten hinweisen, und deutlich machen, dass diese Dienstleistungen der Natur nicht als selbstverständlich genommen werden. Die Initiative #beebetter ist ein weiterer Baustein unserer Öffentlichkeitsarbeit – denn gemeinsam mit den Partnern erreichen wir noch mehr Menschen als alleine. 

8. Was halten Sie davon, Bienen- und Artenschutz als Thema in Schulen, Kindergärten und Kitas auf das Lehrprogramm zu setzen? 

Das ist toll! Je mehr desto besser! Umweltbildung kann gar nicht früh genug beginnen. Dazu gehört die Auseinandersetzung damit, wie es den Arten um uns herum geht – und was wir mit ihrer Situation zu tun haben. Der WWF macht hier auch konkrete Angebote in Form von Baumentdeckersets für Kita-Kinder, Schulmaterialien, Kinder- und Jugendcamps und anderen Maßnahmen. Wir sprechen hier Pädagogen ebenso wie Kleinkinder, Kinder und Jugendliche direkt an. 

9. Sind Bienen Ihrer Meinung nach relevant für die Wirtschaft in Deutschland? 

Sie sind sehr relevant – nicht nur für die Wirtschaft, sondern für jeden von uns. Die Universität Hohenheim hat berechnet, dass der Bestäubungswert eines Bienenvolkes zwischen 800 und 900 Euro beträgt. Damit betrüge der ökonomische Wert der Bestäubung weltweit 70 bis 100 Milliarden Euro und in Deutschland etwa 2,5 Milliarden Euro. Wenn man den Wert der Kulturpflanzen misst, die auf natürliche Bestäubung angewiesen sind, erhöht sich der globale wirtschaftliche Nutzen der Bestäubung auf bis zu 265 Milliarden Euro. 

Neben Kulturpflanzen sind bis zu 90 Prozent aller Wildpflanzen für ihre Fortpflanzung auf Bestäubung durch Tiere angewiesen. Demzufolge sind die natürlichen Lebensräume und weitere von ihnen bereitgestellte Ökosystemdienstleistungen ebenfalls direkt oder indirekt von Insektenbestäubern abhängig. 

Die Zahlen zeigen, dass diese Dienstleistungen, die von der Natur kostenlos erbracht werden, einen riesigen Wert haben, den wir auch entsprechend in Wert setzen sollten. 

10. Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Faktor in Sachen Umwelt und Umweltschutz. Inwiefern sind Biodiversität und Artenvielfalt für landwirtschaftliche Betriebe von Bedeutung? 

Wie bereits gesagt sind viele Kulturpflanzen auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Schätzungen zufolge können rund 80 Prozent der Pflanzen, darunter auch Obst und Gemüse in Deutschland nur durch die Bestäubung von Bienen erzeugt werden. In Europa werden rund 4.000 verschiedene Gemüsesorten von Bienen bestäubt. Viele Wildbienenarten und andere Insekten wie Schmetterlinge und Schwebfliegen bestäuben auf ganz spezielle Art und Weise. Dies ist von großer Bedeutung für die Landwirtschaft und aus diesem Grund sollte dieser Sektor auch einen entsprechenden Anteil zum Schutz der Biodiversität leisten. Hier ist noch viel Luft nach oben.

#beebetter-Jury

Marco Vollmar

Warum Marco Vollmar den Schutz der Wildbienen als so wichtig erachtet, was sein Fachgebiet sowie seine Aufgaben beim WWF Deutschland sind und welche Wildbiene er gern wäre, erfahren Sie in seiner Vorstellung als Mitglied der #beebetter-Jury.