Aus der Zeitschrift MEIN SCHÖNER LANDGARTEN Oktober/November 2019/ Text: Antje Sommerkamp

Schon zum vierten Mal fliegt das hummelähnliche Insekt mit dem flauschigen rotbraunen Pelz zu dem kleinen Zwischenraum in der Mauer an der Terrasse und ist plötzlich im Innern des Mauerwerks verschwunden. Nach kurzer Zeit kommt es rückwärts herausgekrabbelt und fliegt zielsicher in Richtung der blühenden Weidenkätzchen. Manche Hobbygärtner konnten im Frühjahr vielleicht ein ähnliches Schauspiel beobachten: Bei der vermeintlichen Hummel handelt es sich meist um die hübsche Rostrote Mauerbiene. Die fleißige Blütenbestäuberin wurde stellvertretend für die rund 585 Wildbienenarten in Deutschland zum Insekt des Jahres 2019 gewählt. Damit möchte man die Öffentlichkeit auf das dramatische Bienensterben aufmerksam machen, das seit einigen Jahren auch unseren Wildbienen zu schaffen macht – vor allem durch den Verlust an blütenreichem Lebensraum sowie Pestizideinsatz. Die Rostrote Mauerbiene, wissenschaftlich Osmia bicornis genannt, ist neben der Gehörnten Mauerbiene eine in Deutschland noch weit verbreitete Art und in Naturgärten häufig zu sehen. Andere Mauerbienen-Arten sind hierzulande jedoch ernsthaft bedroht, zwei Arten sogar schon ausgestorben. Wegen ihrer hohen Bestäubungseffizienz spielen Mauerbienen im Erwerbs-Obstanbau eine große Rolle. Der Einsatz von Kokons zur Erntesteigerung ist jedoch umstritten.

Die Rostrote Mauerbiene (Osmia bicornis, 8–18 mm groß) ist Insekt des Jahres und schon ab April unterwegs. Sie freut sich u. a. über pollenreiche Weidenkätzchen. Ihre Brutkammern baut sie in Hohlräume, hier hat sie sich ein Schlüsselloch an einer Scheunentür auserkoren

Im Gegensatz zur Honigbiene leben die meisten Wildbienen als Einzelgänger und produzieren auch keinen Honig. In ihrem nur wenige Wochen langen Leben bauen sie mehrere kleine Brutkammern, die sie jeweils mit einem Ei und Pollenvorrat bestücken; die Larve entwickelt und verpuppt sich und schlüpft oft erst im darauffolgenden Jahr. Alle Mauerbienen-Arten sammeln und transportieren den Pollen für ihre Nachkommen mit einer Sammelbürste am Bauch. Die meisten nisten in vorhandenen Hohlräumen, etwa in Löchern und Spalten in Holz oder Mauern, in hohlen Pflanzenstängeln oder auch leeren Schneckenhäusern am Boden. Nisthilfen wie gebündelte hohle Bambusröhrchen oder Holzklötze mit gebohrten Brutgängen werden gerne angenommen. Einige Arten sind auf ganz spezielle Pflanzen als Pollen- und Nektarspender angewiesen. Sie können wir mit artenreichen Beeten und einer Wildblumenwiese unterstützen.

Mauerbienen

In Mitteleuropa gibt es rund 50 verschiedene Mauerbienen-Arten, hier eine Auswahl der bei uns heimischen Arten:

Die Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta, 10–15 mm groß) ist eine der ersten Wildbienen, die wir im Frühjahr bereits ab März auf Frühlingsblühern wie Schlehen begrüßen können. Sie ist bis Juni häufig in Gärten anzutreffen und besiedelt zuverlässig Nisthilfen wie hohle, waagrechte Bambusröhren.

Die Rostrote Mauerbiene (Osmia bicornis, 8–18 mm groß) ist Insekt des Jahres und schon ab April unterwegs. Sie freut sich u. a. über pollenreiche Weidenkätzchen. Ihre Brutkammern baut sie in Hohlräume, hier hat sie sich ein Schlüsselloch an einer Scheunentür auserkoren.

Die Blaugrüne Mauerbiene (Osmia caerulescens, 7–11 mm groß) fliegt von April bis Juni, manchmal auch in zweiter Generation von Juli bis September. Sie liebt u. a. Nektar und Pollen der Roten Taubnessel, von Natternkopf oder Klee. Ihre Brutkammern in Hohlräumen verschließt sie mit Pflanzenteilen.

Die Schöterich-Mauerbiene (Osmia brevicornis, 7–12 mm groß) liebt Gärten mit abgestorbenem Holz (Stämme, Zaunpfähle) und Kreuzblütler wie Mondviole, Schöterich oder Raps. Sie fliegt von April bis Juli und steht als seltene Art auf der Roten Liste.

Die Zweifarbige Schneckenhausmauerbiene (Osmia bicolor, 7–11 mm groß) baut ihre Brutkammern von März bis Juni in leere, am Boden liegende Schneckenhäuser. Zur Tarnung klebt sie von außen winzige Blattstückchen auf das Gehäuse.

Die Zweifarbige Schneckenhausmauerbiene (Osmia bicolor, 7–11 mm groß) baut ihre Brutkammern von März bis Juni in leere, am Boden liegende Schneckenhäuser. Zur Tarnung klebt sie von außen winzige Blattstückchen auf das Gehäuse

Die Gallen-Mauerbiene (Osmia gallarum, 7–18 mm groß) fliegt von April bis Juli und nistet in Pflanzenstängeln oder Eichengallen. Sie liebt Schmetterlingsblütler wie Hornklee.

Die Rote Schneckenhausbiene (Osmia andrenoides, 8–18 mm groß, stark gefährdet, selten) nistet von Juni bis Juli in leeren Schneckenhäusern und mag u. a. Günsel.

Die Gelbspornige Stängelbiene (Osmia claviventris, 7–9 mm) ist von Juni bis August am Gehölzrand und in Kies- und Lehmgruben zu finden. Sie nagt ihre Brutröhren in markhaltige Pflanzentriebe wie Brombeere, Disteln, Königskerze oder Holunder. Sie sammelt u. a. Nektar und Pollen an der Zaunwicke, liebt aber auch Hornklee.

Die Natternkopf-Mauerbiene (Osmia adunca, 8–12 mm groß) sammelt von Juni bis September ausschließlich Pollen und Nektar am Natternknopf. Sie gräbt Nistgänge in Steilwände oder Fugen von Trockenmauern, nistet jedoch ebenfalls in Gängen von Totholz oder Pflanzenstängeln. Sie liebt sonnige Plätze.

Lebensraum für Mauerbienen

Wie ihr Name verrät, nisten Mauerbienen gerne in Spalten zwischen Steinen. Sonnige Trockenmauern mit Zwischenräumen sind im Garten ideal. Blühende Glockenblumen sind begehrte Nektar- und Pollenlieferanten. Wildbienen benötigen in Natur und Garten geeignete heimische Wildpflanzen mit ungefüllten Blüten sowie offene, sandige Bodenstellen, Hohlräume, Totholz, Lehm- oder Löss-Steilwände als passende Nistplätze. Übrigens: Mehr als die Hälfte aller Wildbienenarten nistet im Boden.

Naturnahe Gärten mit großer Artenvielfalt, ohne Chemie und mit vielen Nistmöglichkeiten sind Lebensräume für Wildbienen. Im September endet die Flugzeit für die meisten Arten, doch für den Nachwuchs ist gesorgt. Etwa in hohlen Pflanzenstängeln entwickelt sich die neue Generation – der Rückschnitt der Stauden sollte daher lieber bis zum Frühling warten.

In den Röhren bauen die Bienen hintereinanderliegende Brutkammern, die sie durch Lehmwände voneinander trennen. Aus dem länglichen Ei schlüpft die Larve, die sich vom eingebrachten gelben Pollenvorrat ernährt, sich verpuppt und meist in der Nisthilfe überwintert. Im Folgejahr schlüpfen dann die Jungbienen.

Selbst bauen: Bambus-Nisthilfen

Einige Wildbienenarten nisten gerne in hohlen Pflanzenstängeln. Aus Bambus, Schilf bzw. Schilfrohrmatten oder Naturstrohhalmen lassen sich einfache, aber effektive Nisthilfen bauen. Wichtig sind intakte, saubere Halme, die nicht splissig, ausgefranst oder zerquetscht sind. Der Innendurchmesser der Stängel sollte 2–9 mm betragen, sodass sie von verschieden großen Arten genutzt werden können. Sie werden auf eine Länge von etwa 10 cm zugeschnitten.

 

Bambus mit einer feinzahnigen Handsäge zuschneiden (Prod.: Dieke van Dieken)

1. Bambus neigt beim Zusägen am wenigsten zum Splittern; saubere Schnittkanten erhält man mit einer feinzahnigen Handsäge, einer elektrischen Bandsäge oder einer Dekupiersäge. Über Nacht eingeweichte Stängel lassen sich einfacher sägen. Unsaubere Schnittkanten müssen mit Sandpapier geglättet werden, da sich die Bienen sonst beim Hinauskrabbeln die Flügel abreißen können.

Das Mark in den Bambusröhrchen entfernen (Prod.: Dieke van Dieken)

2. Das Mark entfernt man mit einem langen Schraubendreher, einer Schraube oder einem Pfeifenreiniger, damit die Röhren innen komplett frei sind. Die meisten Wildbienen bevorzugen Röhren, die hinten verschlossen sind. Daher sollten die Stängel hinten mit unbehandelter Watte, Ton oder Lehm verschlossen werden. Beim Bambus kann man vorhandene Halmknoten als natürlichen Abschluss nutzen, wenn man kurz vor ihnen abschneidet. Mauerbienen besiedeln mitunter auch durchgängig offene Röhren.

Die dicht Bambusröhrchen dicht an dicht in einer Konservendose platzieren

3. Die dicht gebündelten Halme bringt man am besten sonnig und regengeschützt in einer Konservendose, in Hohlräumen einer Mauer oder in einer Holzkiste unter. Ragen sie etwas heraus, erleichtert man den Bienen den Anflug. Wichtig ist, dass die Röhren waagerecht ausgerichtet werden.

Kleines Insektenhotel aus Dose mit Bambushalmen und Forsythienzweigen

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Mein schöner Landgarten

Dieser Artikel ist das Werk unserer Garten- und Wildbienenexpertin Antje Sommerkamp. Weitere Artikel über Wildbienen sowie viele Gartentipps, Dekoideen und Anregungen für den Naturgarten finden Sie in der Zeitschrift Mein schöner Landgarten.